Kindheitstraum

Mein Kindheitstraum wird wahr.

Jedes Kind hat Träume. Manche träumen vom echten Auto, von der neuen Puppe, vom eigenen Zimmer, manche von einer Zukunft als Pirat auf den wilden Meeren der Welt. Träume kommen und gehen, Kinder werden erwachsen. Einige Träume bleiben und begleiten uns über einen bestimmten Lebensabschnitt – auch als Erwachsene. Träume gehen in Erfüllung, werden weiter geträumt oder verworfen, sie können uns verändern, aufmuntern und traurig machen und jeder Traum ist so individuell wie der Träumer, in dessen Kopf er sich niedergelassen hat.

Warum ich das schreibe? Ich habe auch einen Traum. Einen hartnäckigen Traum, von dem ich bis heute nicht losgekommen bin. Mein Traum geht gerade in Erfüllung.

Wenn ich zurückdenke, erinnere ich mich an genau diesen Traum, den ich schon als Kleinkind hatte: der Traum vom Hund. Allerdings in abgewandelter Form: als Alptraum. Besagter Traum hat mich schon im Kindergartenalter begleitet und tatsächlich auch meinen Alltag beeinflusst. Vor nichts und niemandem hatte ich so schreckliche Angst, wie vor einem großen Hund. Der gutmütigste Hund wurde zu meiner schlimmsten Befürchtung. Und selbst wenn gar kein Hund in der Nähe war, hatte ich schreckliche Angst, von einem Hund oder sogar einem Wolf verfolgt zu werden (natürlich lag ebendieser Wolf wie ihr Euch vorstellen könnt auch nachts unter meinem Bett und versteckte sich wenn es dunkel wurde in meinem Kleiderschrank).

Mein Traum hat sich, so unlogisch das auch klingen mag in der Zwischenzeit drastisch verändert. Träume sind schwer greifbar und oft unerklärlich. Ich weiß bis heute nicht, wie es zu dieser Veränderung gekommen ist. Aber ab einem bestimmten Alter begann ich, mir den Hund an meiner Seite vorzustellen. Mein treuer Freund, der mich immer versteht und beschützt. Der, der mich nie im Stich lässt und genau merkt, wann ich traurig bin. Der mich immer aufmuntert und mit dem ich stundenlang über die grünen Wiesen spazieren kann.

Von da an stand auf meinem Wunschzettel vor Weihnachten und dem Geburtstag von Jahr zu Jahr stets nur noch ein dick unterstrichenes Wort – der Wunsch nach einem eigenen Hund.

Die Zeit verging, ich wurde älter, meine Wünsche für die Zukunft und meine Vorstellungen von meinem Leben veränderten sich ebenso wie ich. Aber der Traum vom eigenen Hund blieb.

Lange musste ich warten. Und lange durfte ich mich vorbereiten.

Ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren, begann ich mich vorerst nur theoretisch mit dem Hund zu beschäftigen. Las Hundebücher und Magazine und machte mehrere Praktika bei Hundetrainern, Verhaltenstherapeuten und in Tierarztpraxen.

In meinem Kopf habe ich etliche Hunde besessen und viel erlebt. Vom Labrador über den Dalmatiner bis zum Rhodesian Ridgeback. In der Realität habe ich mich lediglich theoretisch mit dem Hund beschäftigt.

Der Wunsch nach einem eigenen Hund konnte mir, das kann ich heute sagen, aus purer Vernunft nicht erfüllt werden. Zeit fehlte und mein treuer Begleiter hätte wohl etliche Stunden alleine Zuhause verbracht, während ich die Schule besuchte.

Die Jahre vergingen also und mit der steigenden Anzahl an Hunden in der Nachbarschaft, wuchs meine Hundebüchersammlung. Ich hörte mir etliche Vorträge (von „Erste Hilfe am Hund“ bis Martin Rütter) an – nicht selten als einzige Teilnehmerin die keinen eigenen Hund besaß oder nicht wenigstens einen Hund in der Familie beim Namen nennen konnte – und beschäftigte mich tatsächlich viele Jahre mit dem Thema Hund, der Hundeerziehung, Anatomie usw.

Mit 16 Jahren hatte ich mich schließlich auf meine Traumhunderasse festgelegt. Ich träumte vom eigenen Ridgeback.
Als ich jedoch bekannten Hundetrainer/innen, von meinem Entschluss berichtete, war das Entsetzten groß: „Was ein Ridgeback? Probleme sind da vorprogrammiert…“.

Nach weiteren Wochen, welche ich mit Züchtertelefonaten und dem durchforsten etlicher Internetseiten zum Thema Rhodesian Ridgeback verbracht hatte, wurde mir schließlich klar, dass mich wohl fast (!) jeder Profi für verrückt hielt – außer den Ridgeback-Haltern selbst.

In einem meiner früheren Praktika war ich dem Ridgeback erstmals begegnet und wollte mich auch durch die teilweise tatsächlich entsetzlichen Argumente der „Ridgeback-Abrater“ nicht mehr von meiner Traumrasse abbringen lassen.

Schließlich war der große Tag endlich da: der Besuch beim Züchter war geplant – ich aufgeregt wie ein kleines Kind vor Weihnachten – und jeder, der weiß, wie es ist, nach jahrelangem Warten, einem Wurf süßer kleiner Welpen gegenüber zu stehen, wird ahnen, was als nächstes folgte… Aber so war es nicht. Abends fuhr ich (zusammen mit Mama) nachhause und bereits am nächsten Tag stand der enttäuschende Entschluss fest, dass wir wohl keinen der reizenden Welpen aufnehmen würden.

Mein Abitur stand im nächsten Jahr bevor und die Verantwortung war letztendlich einfach zu groß.

Ich befasste mich also – Überraschung – weiterhin nur theoretisch mit dem Thema Hund.

Mein Entschluss nach der Schule, mit Tieren, bzw. mit Hunden arbeiten zu wollen stand mittlerweile relativ fest – trotz der Tatsache, dass ich nach wie vor keinen eigenen Hund besaß.

Jetzt ist es endlich soweit.

Das Warten hat sich gelohnt und mein Kindheitstraum geht in Erfüllung.

Ein kleiner Rhodesian Ridgeback wird noch dieses Jahr bei mir einziehen. Ich bin überglücklich und freue mich natürlich riesig auf den kleinen Traumhund – der mich vermutlich aber auch einige Nerven kosten wird ;). Von Tag zu Tag steigt die Vorfreude und ich bin unglaublich gespannt auf meinen (noch) kleinen Freund und die Zeit, die wir schon demnächst miteinander verbringen dürfen.

Vanessa Julia